Wir sollten die Vision einer Friedenskultur entwickeln

von Dieter Riebe (DFG-VK Bonn-Rhein-Sieg)

Ein Zitat von Erich Kästner besagt:
Glaubt nicht, ihr hättet Millionen Feinde. Euer einziger Feind heißt – Krieg.

Krieg ist die Manifestation der rücksichtslosen Gewalt und Unterdrückung. Solange Kriege von einer Minderheit, aus wirtschaftlichen Vorteil, gewollt und von der Mehrheit, die die Lasten trägt, toleriert wird, werden Kriege vorbereitet und immer wieder durchgeführt.

Solange es Kriege gibt, können wir keine wirklich friedliche Welt erreichen, weil die Gegenkräfte die die Gewaltkultur erhalten wollen zu stark dagegen arbeiten. Bei den Vorbereitungen und während der Kriege werden Feindbilder erschaffen, wertvolle Ressourcen verschwendet, sowie zerstört und die Umwelt vergiftet etc.. Die Menschen werden in Angst und Schrecken versetzt und damit Traumatisiert.

Das Angst-Klima das künstlich durch Propaganda erzeugt wird, lässt die Menschen nach Sicherheit rufen. Dieser Ruf nach „Sicherheit“ wird von der Machteliten durch das Militär versprochen, damit können sie ihre Machtbasis wie bisher behalten. Alles was der Gewaltkultur dient wird von den Machteliten gefördert, weil man sich damit die Menschen als Untertanen erhält. Das Militär erzeugt aber gar keine Sicherheit, sondern nur die Illusion der Sicherheit. Denn wenn z.B. tatsächlich wieder ein Weltkrieg vom Zaun gebrochen wird, dann wird es unweigerlich in die totalen Zerstörung der westlichen Zivilisation enden. Die moderne Zivilisation und Krieg schließen sich aus. Also alleine, um unser aller Überleben zu sichern, müssen wir der Politik und dem Militär-Industriellen-Komplex die Möglichkeit Krieg zu führen, ein für alle Male aus der Hand nehmen. Es ist einer unserer wirklichen essentiellen Zukunftsaufgabe der Zivilgesellschaft, Krieg als Mittel der Politik abzuschaffen. Nur wenn die Weltgemeinschaft die Gewaltkultur aufgibt und sich der Friedenskultur zuwendet, werden wir als Spezies langfristig eine Chance haben auf der Erde zu existieren.

Deshalb setzen wir uns in der Friedensbewegung für die Abschaffung des Krieges ein, weil sie reine Gewalt und ein Verbrechen an der Menschheit ist. Obwohl wir organisatorisch keine Massenbasis haben, ist unsere Arbeit dennoch erfolgreich, vor allem wenn man die wenig vorhanden finanziellen Ressourcen bedenkt. Wir sind nicht erfolgreich in dem Sinne, dass wir bisher den Krieg verhindert haben, sondern wir sind erfolgreich darin, z.B. durch Kampagnen, die Lügen und Propaganda des Krieges aufzeigen. Wir zeigen unter anderem auf, dass die Politiker das Recht brechen, sie verstoßen z.B. gegen das Grundgesetz und Völkerrecht. Die Politik handelt gegen den Willen der Bürger und Bürgerinnen, die z.B. mehrheitlich keine Bundeswehreinsätze im Ausland wollen. Wir sind mit Herzblut dabei, alles zu tun damit der Krieg als Mittel der Politik abgeschafft wird. Wir wissen, es ist noch ein langer Weg, weil wir zur Zeit noch zu wenige sind die aktiv dafür „kämpfen“. Wir werden weiter kontinuierlich daran arbeiten das in der Bevölkerung ein Erwachen für die Sinnlosigkeit des Krieges erreicht wird. Es wird sich durchsetzen, dass Kriege den ureigenen Interessen der Bevölkerung schadet und unbedingt abgeschafft werden muss. Mach Deine Feinde zu Freunden und Friede wird sein, denn alle Völker wollen in Frieden leben.

Wir brauchen eine Friedenskultur, bei der wir vom Frieden her denken und Leben können.

Im Zusammenhang des Soldaten-Gottesdienst im Kölner Dom, am 10.01.2019, sagte in einem Interview Stefanie Intveen (DFG-VK Köln): „Wir müssen die Feindschaft bekämpfen und nicht Feinde“. Ja, genau das! Wir müssen das Feindschafts-Denken in unseren Köpfen, die Feinde macht, bekämpfen. Wir sollten uns bewusst zu machen, dass wir noch selbst dem Feindes-Denken verhaftet sind. Unsere Feinde sind z.B. die Rechten, das Militär etc.. Wen wir sie aber zu unseren Feinden machen und den einzelnen nicht als Individuum respektvoll begegnen, setzen wir den einzelnen Menschen und seine Handlung gleich und anerkennen ihn nicht als einen individuellen Mensch. Wir sind dann automatisch auch Teil der Gewaltkultur. Einen Menschen als Subjekt zu begegnen bedeutet nicht, dass ich seiner Meinung sein muss. Damit hat Stefanie, meiner Meinung nach, einen wesentlichen wunden Punkt der Friedensbewegung angesprochen.

Die Friedensbewegung ist in sich selbst nicht wirklich friedlich. Deshalb leidet die Friedensbewegung auch an ihrer Glaubwürdigkeit. Die Menschen können nicht wirklich fühlen und erkennen, worin den der Unterschied unseres „positiven Friedens“ ist, mit den des „negativen Friedens“ den die Politik verwendet, wenn wir nur unsere Feinde austauschen. Wenn aber für die große Mehrheit nicht wirklich fühlbar erkennbar wird, worin der Unterschied des Begriff Frieden von der Friedensbewegung besteht, können sie auch den Unterschied zum Friedensbegriff des Militärs, die sich ja auch als Friedensbringer der „harten Hand“ sehen, nicht erkennen. Dann setzen sie den Friedensbegriff des Militärs bzw. der Politik die der Friedensbewegung gleich. Dann diskutiert man nur noch die Frage wie der „negative Frieden“ realistisch zu erreichen ist, da der „positive Frieden“ nicht erkennbar ist bzw. hält sie für eine unerreichbare, naive Utopie.

Zur Zeit sind wir gesellschaftlich weit vom positiven Frieden entfernt. Wir sollten in der Friedensbewegung zusätzlich dazu übergehen auch von einer konkreten Utopie des Friedens zu sprechen, also einer Utopie einer real möglichen friedlicheren Gesellschaftsform. Erst dann können die Menschen den Weg zu einer Friedenskultur wirklich verstehen und sie als positive Alternative aufgreifen.

Wie die massive Vorbereitung und Propaganda des Krieges der Länder zeigen, reicht es nicht die Missstände anzuprangern, sondern wir müssen dem auch etwas positives Entgegensetzen. Doch um etwas positives zu entwickeln braucht man erst einmal die Erkenntnis was ist eigentlich das Wesen der Gewaltkultur. Was sind die tieferen Ursachen der Gewalt, die sich gegen uns Selbst und Andere richtet?

Da wir alle in der Gewaltkultur aufwachsen und geprägt werden, müssen wir uns damit beschäftigen, wie viel Gewalt steckt den persönlich in jeden von uns? Es geht darum zu erkennen was der Unterschied zwischen der verbindenden,  menschenfreundlichen Friedenslogik und die trennende, menschenfeindlichen Sicherheits-/Gewaltlogik für uns als Einzelne bedeutet.

Erst mit der Erstellung der Liste „Gegenüberstellung der Unterschiede von Friedenslogik und Sicherheits/Gewaltlogik auf menschlicher, individuelle Ebene“ bin ich mir erst wirklich klar geworden wie tief die Gewaltkultur in unsere Gesellschaft verankert ist und mit welcher Dimension sie auf mich persönlich wirkt. Wer sich mit der Liste intensiv beschäftigt, wird erkennen, wie weit jeder Selbst in der Gewaltkultur verstrickt ist.

Das Hautmerkmal der Gewaltkultur ist, dass wir Menschen als Objekt von Bewertungen, Erwartungen und Absichten gesehen werden. Als Objekt zählt der einzelne Mensch nicht an sich als wertvoll, einfach weil er geboren ist und von Geburt alle Menschen gleich sind, sondern sein Wert ist von Bedingungen abhängig. Um sich Selbst als wertvoller Mensch zu sehen ist der Mensch in der Gewaltkultur auf die Anerkennung der Anderen angewiesen. Sein Selbstwert und Wertigkeit wird definiert z.B. vom Status, Macht, Geld Ausbildung, Aussehen etc.. In der Gewaltkultur definiert sich der Mensch also nur über die Anderen, anstatt in sich zu ruhen und sich Selbst genug zu sein. In der Gewaltkultur tut der Mensch alles diese notwendige Bestätigung von Außen zu bekommen. Er kann geradezu in krankhafter Sucht danach streben sein Ansehen bzw. Status zu erhöhen. Dies zeigt sich in Machtsucht, Geldsucht, Gier, Narzissmus etc,. Dann sind Lügen und Betrügen zum Erreichen von Macht und Reichtum erlaubt. Der Zweck heiligt die Mittel. Den je mehr „Ansehen“ er hat, umso „wertvoller“ sieht er sich. Wer Geld und Macht anbetet, der hat keine Skrupel andere Menschen für seine Zwecke auszubeuten, ist skrupellos und führt auch Kriege.

Aber wie kommt es dazu, dass sich der Mensch von sich Selbst entfremdet?

Jeder Mensch wird als Subjekt geboren und will angenommen und geliebt werden. „Liebe deinen Nächsten, wie Dich selbst“, setzt voraus, dass wir uns wirklich selbst lieben. Doch die allermeisten konnten diese Liebe nicht erfahren, da die Eltern diese Liebe selbst nicht empfinden können, weil sie wiederum selbst die Liebe nicht erfahren haben. Nicht eine oberflächliche Liebe, wie wir sie allgemein kennen, die an Bedingungen geknüpft ist, sondern eine innige, tiefe Eigenliebe ist dazu notwendig. Diese Eigenliebe, wird uns durch die gut gemeinte Erziehung der Eltern (und andere Personen), meist aberzogen. Sie wollen, dass ihr Kind in der Gesellschaft gut zurecht kommt. Das Kind lernt schon früh, dass es zwischen „Zuckerbrot und Peitsche“ wählen darf, sich den Anforderungen der Erwachsenen anzupassen. Zudem machen dem Kind zusätzlich die Erfahrungen von emotionalen Abweisungen, sowie Gewalterfahrungen etc. zu schaffen. Mit jeder Forderung an das Kind, sich an den meist gesellschaftlich geforderten Regeln anzupassen, sich dem unter zu ordnen, also dem „System“ gerecht zu werden, tritt eine weitere Entfremdung zu seinem „wahren Ich“ statt. Daraus entwickeln sich Schuldgefühle, werden eigene Emotionen umgelenkt und entstehen innere Konflikte. Dieser Anpassungsprozess bzw. Konditionierung ist schon so in tief in unserer Gesellschaft verankert und akzeptiert, dass man sich in der Regel überhaupt keine Gedanken mehr darüber macht und es daher auch kein Bewusstsein dafür gibt. Das Kind wird als Objekt behandelt und das Kind Selbst passt sich dem an, indem es sich Selbst zum Objekt macht, weil es als Subjekt keine Liebe erfahren würde. Die Liebe, die Zuwendung und Wertschätzung bedeutet, ist an Bedingungen geknüpft die es zu erfüllen gilt. Der sich selbst entfremdete Mensch, wird sein ganzes Leben nach seiner verloren gegangenen Einheit („Paradies“) suchen.

Da der Mensch den Kontakt zu seiner „inneren Welt“, zu seinem „Gefühlsleben“ verloren hat, sich also von seinen eigenen Gefühlen abgespalten hat, orientiert es sich daher auf die äußere Welt. Die eigenen Ur-Bedürfnisse werden durch den Anpassungsdruck an den vermeintlichen, aber auch sinnvollen Anforderungen der Gesellschaft immer wieder unterdrückt. Die Pflichterfüllung wird zum eigenen Ideal erhoben. Es entsteht ein mehr oder weniger angepasster Mensch mit begrenzten Überzeugungen, dem die Pflichterfüllung und die Anpassung an seine Umgebung „über alles geht“ und der der „Obrigkeit“ Untertan wird. Ein unsicherer Mensch verfängt sich dann oft zusätzlich im unnötigen, ständigen Gedanken-Kreislauf von Ängsten und Sorgen. Als Gegenprojektion wird die Anerkennung der Anderen überaus wichtig. Durch seine Hinwendung zur äußeren Welt, wie Aussehen, Status, Religion, Macht und grenzenlosen Konsum etc., die jeweils nur eine Ersatzbefriedigungen bzw. Überlebensstrategie darstellen, sucht er Erlösung für sein „unbewusst“ gefühlten Mangel nach Liebe. Die wird er aber dort nicht finden. Der Mensch wird abhängig durch das ständige Bestreben nach Bestätigung durch andere, z.B gesellschaftliches Ansehen, Lob, anstatt in sich selbst zu ruhen und unabhängig zu sein. Wir sind überwiegend Kopf gesteuert und uns ist nicht bewusst, dass wir unsere eigenen Ur-Bedürfnis nach Einheit und Nähe zu anderen sträflich vernachlässigen. Das Gefühl der Verbundenheit mit sich Selbst (Körper, Geist und Gefühle) und erst dann zu Anderen ist aber für unser Wohlergehen unerlässlich. Das ist den allermeisten Menschen aber nicht mehr bewusst. Als Ersatzdroge für die fehlende Selbstliebe und den eigenen unbewussten Gedanken-Terror, ist der Mensch ständig dabei sich abzulenken und kommt daher nicht zur Ruhe. Deshalb empfinden, in den wenigen stillen Momenten, sehr Viele, ein tiefes Gefühl von Sehnsucht und Traurigkeit, das sie nicht fassen können. Sie spüren, dass etwas Wesentliches in ihrem Leben fehlt, können es aber nicht beschreiben. Es ist ein unbewusstes Gefühl des nicht verbunden Seins, des getrennt Seins von sich Selbst und von dem Anderen.

Da die Machteliten den entfremdeten Menschen erhalten wollen, damit sie ihn als Objekt benutzen können, werden wir von ihnen keine Impuls zu einer Friedenskultur erhalten. Die Impulse zu einer Friedenskultur, die vom Bewusstsein abhängt, kann nur von der Basis, von jeden Einzelnen von uns ausgehen. Gandhi hat es auf dem Punkt gebracht:

„Sei Du Selbst die Veränderung, die Du Dir von der Welt wünscht“.

Download:

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