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Kategorie: Palästina-Israel

Die Ablenkung von den israelischen Massenvernichtungswaffen und der Einfluss der Israellobby

von Siegfried Ullmann

Liebe Friedensfreunde, Nahost-Interessierte und Israel-Unterstützer,

 

das kleine Prosa-Gedicht des Günter Grass hat ja viel Staub aufgewirbelt. Es ist der Staub des Unrechts, wie Erich Fried in "Trockene Gedichte" schrieb. Erschreckend waren die Reaktionen in der deutschen Presse, die sich weitgehend auf persönliche Verunglimpfungen beschränkten und mit gefälschten Zitaten des iranischen Ministerpräsidenten argumentierten. Ahmadinedschad hat nie gesagt, dass Israel von der Landkarte verschwinden müsse, sondern das zionistische Regime, also die israelische Regierung, müsse verschwinden. Hierzu die Ausführungen von Georg Schramm, alias Oberst Sanftleben - Ahmadinejad-Rede. Er forderte also lediglich einen Regimewechsel für Israel, so wie der Westen einen Regimewechsel für den Iran fordert, wie auch viele Iraner. Hierauf hatte auch das  jüdische Friedenslager, das sich hinter Günter Grass stellte, hingewiesen, was aber vollkommen ignoriert wurde.

 


Grass Gedicht erinnert an den Aufruf des 93jährigen Stephane Hessel „Empört Euch“ und an die politischen Gedichte des leider schon 1988 verstorbenen jüdischen Lyrikers Erich Fried. Dessen Mahnungen sind auch heute noch gültig:


"Es wird notwendig sein,

den Schutt von den Herzen und Hirnen

der Menschen in Europa

und Amerika zu entfernen ...."

 

Und in einem seiner letzten Gedichte schrieb er unter dem Titel "Worauf es ankommt":

"Es kommt im Augenblick / nicht darauf an / wann es war / dass die Unterdrückerregierung / in Israel / sich verwandelt hat / in eine Verbrecherregierung

 

Aber es kommt darauf an / zu erkennen / dass sie jetzt  eine / Verbrecherregierung ist ...

Aber es kommt darauf an / nicht nur klagend oder erstaunt / den Kopf zu schütteln /
über diese Verbrechen / sondern endlich / etwas dagegen zu tun ...."

 

Das vollständige Gedicht und alle anderen politischen Gedichte Erich Fried's finden Sie in der Buchausgabe "Höre Israel" des Melzer Verlages.

 

In meinem Brief an einen der gehässigen Zeitungskommentatoren (siehe Anlage) habe ich auf die positiven jüdischen Stellungnahmen (von denen ich einige Beispiele beifüge) hingewiesen. Letzten Endes hat die Aufregung über das Grass-Gedicht aber dazu beigetragen, dass sich mehr Menschen Gedanken über das israelische Atomwaffenarsenal und die Folgen für den Weltfrieden gemacht haben dürften.

 

Das verheerende Signal der Israel-Propagandisten an die israelische Regierung lautet doch: "Ihr könnt machen, was ihr wollt - wir stehen immer auf Eurer Seite und werden jeden Kritiker niedermachen.“ Geradezu grotesk ist die Behauptung unseres Außenministers Westerwelle von der Wertegemeinschaft mit Israel. Dem Herrn ist wohl nicht mehr zu helfen.

 

Von den journalistischen "mietbaren Zwergen" (Bert Brecht) wurde auch mal wieder das abgedroschene Propagandaargument von der einzigen Demokratie im Nahen Osten bemüht. Diese Demokratie gilt aber nur für den jüdischen Bevölkerungsanteil Israels. Der spätere israelische Ministerpräsident Ariel Sharon sagte am 23. Mai 1983 in einem Interview mit einer israelischen Zeitung, das unter dem Titel "Demokratie und der jüdische Staat" veröffentlicht wurde: "Die Begriffe "Demokratie" und "demokratisch" kommen in der Unabhängigkeitserklärung in keiner Weise vor. Dies ist kein Zufall. Es war nicht die Absicht des Zionismus - dies ist kaum erwähnenswert - , eine Demokratie aufzubauen.  Er wurde allein angetrieben von der Errichtung eines jüdischen Staates ... " (Quelle: Hörbild zum Zionismus "Söldner gegen die Zukunft" oder "Die einzige Demokratie im Nahen Osten", Melzer-Verlag, Neu-Isenburg 2011)

 

Der jüdische Verleger Abraham Melzer schreibt in seiner Stellungnahme zu dem Grass-Gedicht (im Internet unter www.palaestina-portal.eu zu finden). "Wobei Israel als "jüdischer Staat" alles andere als eine lupenreine Demokratie ist. Ein Viertel der Bevölkerung Israels lebt in keinen demokratischen Verhältnissen, sondern in einem Apartheidstaat, weil sie nicht jüdisch ist. Das darf man aber nicht sagen, weil man dann als Antisemit gilt." Und im völkerrechtswidrig besetzten Westjordanland haben nur die Siedler demokratische Rechte, die Palästinenser hingegen gar keine. Da kann einfach ein Bulldozer kommen und das Haus einer Familie weg schieben, einschließlich ihrer gesamten beweglichen Habe. Wenn ein Gehbehinderter im Rollstuhl nicht schnell genug herauskommt, dann hat er eben Pech gehabt. Und wer sich dem Bulldozer entgegenstellt, wie die amerikanische Friedensaktivistin Rachel Corrie, wird einfach zerquetscht. Oder wer palästinensische Kinder zu schützen versucht, wie der Engländer Tom Hurndall, wird von einem Scharfschützen der Armee mit einem Kopfschuss ermordet. Trotzdem darf man da nicht von Verbrechen oder Apartheid sprechen, wie Erich Fried es tat, sonst wird man als Antisemit gebrandmarkt und vielleicht sogar mit dem Tode bedroht, ebenfalls wie Erich Fried.

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Weniger Beachtung als das Grass-Gedicht fand leider eine Erklärung aus der Friedensbewegung und der Friedensforschung mit dem Titel "Friedens- statt Kriegspolitik im Irankonflikt - Sanktionen und Kriegsdrohungen sofort beenden". Den vollständigen Text mit der Möglichkeit der Mitunterzeichnung finden Sie über den Link. Leider wird diese unterstützenswerte Initiative in den Medien weitgehend ignoriert. Da fehlt wohl ein emotionaler und persönlicher Angriffspunkt, aus dem sich ein Antisemitismusvorwurf konstruieren ließe.

 

Besondere Beachtung verdient der beigefügte Bericht „Die israelischen Atomwaffen und ihre Bedeutung für die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten“ von Clemens Ronnefeldt. Darin wird beschrieben, dass Israel schon mehrfach bei kriegerischen Auseinandersetzungen seine Atomwaffen aktiviert hat. Dies ist auch bei einem Angriff auf die iranischen Atomanlagen zu erwarten. Sollte Israel dabei in Bedrängnis kommen, würde es seine Atomwaffen demnach auch einsetzen. Grass’ Befürchtungen sind also durchaus begründet.

 

Am 17. 3. 2012 berichtete die Süddeutsche Zeitung, dass der weißrussische Präsident Lukaschenko - zum Entsetzen Europas - zwei Männer hinrichten lassen will, die - allerdings auf fragwürdige Weise - für einen Anschlag mit 15 Todesopfern verurteilt wurden. Aber wenn Amerikaner und Israelis ihnen nicht genehme Leute -  die vor allem gegen eine völkerrechtswidrige Besatzung ihres Landes kämpfen - ohne den gerichtlichen Nachweis einer Straftat "gezielt töten",  also schlichtweg  ermorden, meistens gleich einschließlich einiger Familienmitglieder oder zufällig Anwesender, führt das nicht zum Entsetzen Europas. Da gelten dann eben andere Maßstäbe. Das gilt auch für die Aufrufe israelischer Rabbiner und eines Regierungsberaters zur Ausrottung der Palästinenser. So wie Herrmann Göring bestimmte, wer Jude war, so wird heute bestimmt, wer die Guten sind und wer die Bösen. Die Guten sind diejenigen, die uns nützlich sind oder denen gegenüber wir uns verpflichtet fühlen und die Bösen sind diejenigen, die nicht parieren wollen. Und die Guten können nur Gutes tun und die Bösen nur Böses. So einfach ist das alles.

 

Bezeichnend für den Einfluss Israels und seiner Lobby ist eine im Spiegel 15/2012 veröffentlichte Karte, in die der Gaza-Streifen und das Westjordanland als Teilgebiete des Staates Israel dargestellt sind, obwohl mit dem Völkerrecht nicht zu vereinbaren. Hier zeigt sich wieder, dass Israel auch die letzten Reste von Palästina von der Landkarte verschwinden lässt. Vielleicht sollte man mal provokant fragen, ob es nicht logischer wäre Israel als Wiedergutmachung z.B. Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern als zusätzliches Territorium anzubieten und um auf diese Weise den Nahostkonflikt zu lösen.

 

Inzwischen sind zwei neue Bücher zu Israel/Palästina auf den Markt gekommen: „Die Geschichte einer Entzauberung“ von Linda Benedikt und „Ein Priester in der Hölle“ von Nandino Capovilla, Beauftragter von Pax Christi International.

 

Nun haben wir einen neuen Bundespräsidenten namens Joachim Gauck. Sein neues kleines Buch hat den Titel "Freiheit - ein Plädoyer". Bisher habe ich noch nicht feststellen können, ob er die Freiheitsberaubung des palästinensischen Volkes wahrgenommen hat und ob er sich für dessen Freiheit einsetzen will. Wir sollten ihn mal danach fragen. Kürzlich hat Gauck gesagt: "Ich fühle mich nicht wohl dabei, wenn Politik mit Ängsten und aus Angst heraus gemacht wird." – Ob er wohl den Mut hat, sich für die Freiheit der Palästinenser einzusetzen - ohne Angst vor der Antisemitismuskeule. Sie können Herrn Gauck Am Spreeweg 1 in Berlin 11010 oder unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! erreichen.

 

In seinem Büchlein "Freiheit" schreibt Gauck, dass er sich in der DDR nicht einmal als Bewohner fühlte, denn Bewohner eines  Gebäudes können es "auf und zuschließen, sie können hinein- und hinausgehen. Wir konnten das alles nicht." Sie seien eher Insassen gewesen: "festgehalten und eingeschlossen, wie die Insassen ... eines Gefängnisses", was er als "bedrückend, beklemmend und entwürdigend fand". (Seite 20) Eigentlich müsste er da die weitaus schlimmere Lage der Palästinenser verstehen und sich mit ihnen solidarisieren. Aber bei der Verteidigung der Menschenrechte, die er als universell, unveräußerlich und unteilbar beschreibt, fallen ihm nur kommunistische, fanatisch-islamistische oder despotische Staaten ein, mit denen man über ihre Verletzungen der Menschenrechte sprechen müsse. (Seiten 52 und 53) Weiß er wirklich nicht, was in Palästina unter der israelischen Besatzung geschieht oder will er das nicht wissen? Und was wird er bei seinem angekündigten Antrittsbesuch in Israel im kommenden Monat sagen?

 

Zum Abschluss das Credo von Erich Fried, das auch das Unsere sein sollte:

"Ein Mensch / der ein Mensch ist / kann nicht schweigen/ zu dem was geschieht."

 

Shalom und Salam

 

 

Anlage:
Leserbrief an den Spiegel von Siegfried Ullmann

12. 4. 2012

AN

Herrn Georg Diez

über
Redaktion Der Spiegel


Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Sehr geehrter Herr Diez,

wenn etwas verbohrt und anmaßend ist, dann m.E. Ihr Kommentar vom 7. 4. 2012 zu dem Grass-Gedicht, denn er beruht auf einer Fälschung, nämlich der erfundenen Behauptung, "Der Iran will, dass Israel von der Landkarte verschwindet." Erstens ist Ahmadinedschad (der mir sicherlich nicht sympathisch, aber durchaus nicht verrückt ist), nicht der Iran und zweitens hat er nur vom zionistischen Regime, das verschwinden müsse, gesprochen, also von einem Regimewechsel, wie ihn der Westen für den Iran fordert. Hierauf wurde von jüdischer Seite schon mehrfach hingewiesen, z.B. von Rolf Verleger (siehe Anlage). Aber zu viele der schreibenden Zunft sind wahrheitsresistente Propagandisten und keine Journalisten, man könnte auch sagen, die Zombies der Israel-Lobby.

 

Nun ja, von anderer jüdischer Seite wurde wiederum gefordert, Goebbelsmethoden anzuwenden, um die proisraelische Propaganda wirksamer zu machen. Dafür gab es in den letzten Tagen genügend Beispiele. Die Fälschung des Ahmadinedschad-Zitats gehört seit langem dazu. Auch der Irak-Krieg wurde mit Lügen begründet.

 

Sie bestätigen den Eindruck von der Selbstzensur der deutschen Presse, die man auch als freiwillige Gleichschaltung bezeichnen kann, was schon seit langem vom jüdischen Friedenslager beklagt wird. Und Sie unterschlagen vollkommen die positiven Äußerungen jüdischer Friedensaktivisten, wie der Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost, dem Ehepaar Langer, Evelyn Hecht-Galinski, Abraham Melzer, Rolf Verleger und Moshe Zuckermann. Aber wenn es der Zentralrat verboten hat, dürfen die "mietbaren Zwerge" (Bert Brecht) natürlich nichts darüber schreiben. Und was Alfred Grosser zu H. M. Broder schrieb, trifft allem Anschein nach auch für Sie zu. Die gut orchestrierte Hysterie (Moshe Zuckermann) hat aber dazu beigetragen, daß das Grass-Gedicht die ihm zustehende Aufmerksamkeit erhielt.

 

Grass' Gedicht erinnert an Stéphane Hessels Aufruf "Empört Euch" und an die politischen Gedichte des jüdischen Lyrikers Erich Fried, der in "Höre Israel" schrieb:

"Ihr habt Eure Henker / beobachtet und von ihnen / den Blitzkrieg gelernt / und die wirksamen Grausamkeiten.

Was ihr gelernt habt / das wollt ihr jetzt weitergeben / Kinder der Zeit des Unrechts / erzogen in seinem Bild. ...

Ihr habt die überlebt / die zu Euch grausam waren / Lebt ihre Grausamkeit / in euch jetzt weiter? ... ".

 

Es war höchste Zeit, daß Günter Grass sein Schweigen gebrochen hat, so wie etliche ehemalige israelische Soldatinnen, die sich der israelischen Organisation Breaking the Silence anvertraut haben (siehe Anlage). Aber deren Aussagen sind natürlich ein Tabu für deutsche Journalisten, weil der israelischen Regierung und ihrem Sprachrohr, dem Zentralrat, nicht angenehm.

 

Ihr Kommentar liest sich so, als wäre er Ihnen von einem dafür geeigneten Mitarbeiter des Avigdor Lieberman, der den ägyptischen Assuan-Staudamm bombardieren lassen wollte und forderte, palästinensische Gefangene zu ertränken, diktiert worden. Von den unkontrollierten israelischen Massenvernichtungswaffen ist da nicht die Rede.

 

Sie wenden sich in demagogischer Weise gegen Grass, aber meines Wissens noch nie gegen die Aufrufe israelischer Rabbiner und eines Regierungsberaters zur Ausrottung der Palästinenser (siehe Anlage). Muß man daraus schließen, daß Sie diese Aufrufe nicht für kritikwürdig halten? Und wie stehen Sie zur Losung israelischer Soldaten "Ein Schuß - Zwei Tote" (siehe Anlage) zur Tötung schwangerer Palästinenserinnen? – „Wer schweigt, erweckt den Anschein, als stimme er zu." sagte schon Papst Benedikt V.

 

Ich gehöre zu denen, die nicht schweigen, sondern ihrem Gewissen folgen, auch wenn sie dadurch in absurder Weise als Antisemiten verleumdet werden. Selbstverständlich unterstütze ich das Existenzrecht des Staates Israel - in den Grenzen von 1967 - , aber auch in gleicher Weise das Existenzrecht des palästinensischen Volkes in einem eigenen Staat.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Siegfried Ullmann